Wetter-Umsturz
von Lothar Rohling
Juli 1995

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Teil 1 - "Peitschen vom Himmel"

Unter dieser Überschrift erschien 1979 ein Bericht von Erwin Lausch in der noch jungen Zeitschrift GEO. Auf einer Doppelseite sieht man,

"wie sich aus Gewitterwolken ein Tornado in einen See windet und mit seinem Rüssel gewaltige Wassermengen einsaugt." (s.a. Bild)

"Zieht das Ungeheuer an Land, regnet es dort manchmal Fische. Der Luftschlauch, der mit Jet-Geschwindigkeit rotiert, vernichtet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Und doch ist der Tornado unter den Wirbelstürmen nicht der gefährlichste Killer. Wenn nämlich ein Hurrikan, Taifun oder Willy-willy ein Land überrollt, steigen die Schäden ins Unermeßliche: Die rasenden Lufträder haben einen Durchmesser von einigen hundert Kilometer."

Alleine die Wortwahl "Ungeheuer" und "gefährlichster Killer" nötigen dem Leser einen Anfangsrespekt ab, der sich beim weiteren Studium mehr und mehr vergrößert und damit dem Bericht einen psychologischen Trend verleiht, der nicht angemessen ist. Immerhin findet sich eine erste quantitative Abschätzung der Rotationskomponente der Windgeschwindigkeit, also Jetgeschwindigkeit, was ca. 800 bis 1.000 km pro Stunde bedeutet.

Zunächst aber der Bericht von E. Lausch:

"Die Menschen flohen in panischer Angst - 200 000 nahmen Reißaus vor "Camille". Die Autos vollgestopft mit eilends zusammengepackter Habe, fuhren sie von der flachen Küste am Golf von Mexiko ins Landesinnere. Sie suchten Schutz vor einem Hurrikan, der auf den US-Staat Mississippi zusteuerte.

Die Meteorologen hatten ihn nach dem Brauch, Wirbelstürmen weibliche Namen zu geben, "Camille" getauft - ein Name, der mit C anfängt, mußte es sein, denn die Hurrikans eines Jahres werden in alphabetischer Reihenfolge benannt."

In einer Bildunterschrift auf S. 46/47 wird deutlich, wie sehr die Psychologie bei diesem Gebiet eingebunden ist:

"Jahrelang haben amerikanische Frauenverbände vergebens dagegen protestiert, daß Wirbelstürme immer weibliche Namen bekommen. In diesem Jahr (Anm.: also 1979) wird erstmals jeder zweite einen Männernamen tragen."

"Camille" war ein Monster unter seinesgleichen, ein Riesenwirbel, in dem Sturmböen Spitzengeschwindigkeiten bis zu 330 Kilometer pro Stunde erreichten. Per Funk und Fernsehen hatten die Wetterämter an jenem 17. August 1969 immer wieder vor dem drohenden Sturm gewarnt, besonders aber vor einer vernichtenden Flutwelle, die mit ihm anrücken würde. Nicht alle Küstenbewohner freilich nahmen den Alarm ernst. Im Apartmenthaus "Richelieu" bei Pass Christian, nur 100 m vom Strand entfernt, rüsteten sich 25 Gäste zu einer "Hurrikan-Party". Der Gedanke, in dem dreistöckigen Bau gefährdet zu sein, kam ihnen überhaupt nicht. Sie wollten das grandiose Naturschauspiel von einem Logenplatz aus miterleben; sie hängten Girlanden auf und stellten die Speisen für eine lange Nacht bereit. Doch als die Party beginnen sollte, stand das Hotel nicht mehr, und alle Teilnehmer bis auf zwei waren tot.

"Wir dachten, wir würden viel Spaß haben", sagte später Mary Ann Gerlach, die das Desaster überlebt hatte. Um für die Party fit zu sein, hatten sie und ihr Mann sich am Nachmittag zur Ruhe gelegt. Jäh wurden sie aus dem Schlaf gerissen, als riesige Wellen gegen das Hotel schlugen und die Fenster zertrümmerten. Das Zimmer der Gerlachs im zweiten Stock stand im Nu knietief voll Wasser. Mrs. Gerlach klammerte sich an eine Luftmatratze und schwamm aus dem Fenster, bevor das Hotel zusammenbrach und die Trümmer vom Wasser fortgerissen wurden. Erst acht Stunden später wurde sie gerettet. Der zweite Überlebende war ein Junge. Ihn hatte geistesgegenwärtig ein Mann aus dem Wasser gezogen, der sich selber vor den Fluten auf einen Baum geflüchtet hatte.

"Camille" tötete 256 Menschen; über 10 000 erlitten Verletzungen. 30000 Häuser wurden vom Orkan und den bis acht Meter hohen Flutwellen zerstört oder schwer beschädigt. Von Mississippi zog der Hurrikan nach Nordosten bis Virginia. Über den Blue-Ridge-Bergen gingen gewaltige Wolkenbrüche nieder. In sechs Stunden fiel fast soviel Regen wie in Hamburg während eines ganzen Jahres. Weite Gebiete Virginias wurden überflutet, Berghänge rutschten zu Tal. Insgesamt richtete "Camille" für 1,4 Milliarden Dollar Schäden an - zu einer Zeit, als der Dollar noch vier Mark wert war.

Wären die Menschen an der Küste nicht frühzeitig gewarnt worden, hätte "Camille", der stärkste Hurrikan in den USA seit Jahrzehnten, Tausende umgebracht. Doch die Meteorologen des nationalen Hurrikan-Zentrums in Miami hatten den unheilverheißenden Wirbelsturm schon drei Tage, bevor er an Land ging, nicht mehr aus den Augen gelassen. Bereits kurz nach seiner Geburt im Karibischen Meer, 300 Kilometer südlich von Kuba, hatten Wettersatelliten ihn erspäht. Radargeräte tasteten die Wolkenwände ab. Und Wetterflieger wagten sich mit ihren Maschinen mitten hinein in den rasenden Orkan, um Meßwerte zu gewinnen, mit denen die Gefährlichkeit von "Camille" abgeschätzt werden konnte.

Anfangs waren sich die Experten jedoch unschlüssig darüber, wo zwischen Texas und Florida "Camille" das Festland erreichen würde. Die erste Warnung galt dann für die Nordwestküste Floridas. Als kein Zweifel mehr bestand, daß der Hurrikan 300 Kilometer weiter westlich über Mississippi hinwegfegen würde, waren noch knapp zwölf Stunden Zeit für die Evakuierung der Küstenorte. Nun hatten sich die Katastrophenpläne zu bewähren.

Denn ohne einen erprobten Katastrophenschutz sind auch die genauesten Vorhersagen wertlos. Das zeigt sich in Entwicklungsländern, wo die Menschen trotz aller Erkenntnisse der Experten über Wirbelstürme, trotz moderner Beobachtungs- und Meßmöglichkeiten immer wieder hilflos dem Verderben ausgesetzt sind. 8 000 Menschen tötete im September 1974 der Hurrikan "Fifi" in Honduras, 10 000 im November 1977 ein Wirbelsturm in Indien. Im November 1970 kamen in Ost-Pakistan, im heutigen Bangladesch, gar 300 000 Menschen durch einen einzigen Wirbelsturm ums Leben.

In Bangladesch und in Indien wüten keine Hurrikans, sondern Zyklone. Doch für Meteorologen sind das nur verschiedene Bezeichnungen für die gleiche Sorte Ungeheuer in der Atmosphäre: für tropische Wirbelstürme. Hurrikans heißen die gefürchteten Killer, wenn sie sich über dem Atlantik bilden. Im westlichen Nordpazifik werden sie Taifune genannt, im nördlichen indischen Ozean Zyklone, bei Madagaskar Trovadoes und in Westaustralien Willy-willies.

Nur der Tornado ist ein Sonderfall: ein trichterförmiger Schlauch aus rasend schnell kreisender Luft, den eine Gewitterwolke zum Erdboden ausstreckt. Wenn ein Tornado erscheint, heißt es: Rette sich, wer kann! Der Windschlauch des Tornados ist nur wenige hundert Meter dick. Ein Hurrikan hingegen wirbelt über die Erde wie eine Schallplatte, deren Durchmesser mehrere hundert Kilometer messen kann. In einem großen Wirbelsturm entlädt sich pro Sekunde soviel Energie, wie bei der Explosion von tausend Atombomben des Typs Hiroshima freigesetzt würde."

An dieser Stelle muß eine Anmerkung gemacht werden, weil zum ersten Mal eine quantitative Aussage über die Kraft eines Wirbelsturms gemacht wird. Sie differiert allerdings deutlich von der Vorankündigung für den Artikel im Heft davor, wo es heißt:

"Die gefürchteten Killer entladen in einer Minute soviel Energie wie tausend Hiroshima-Atombomben."

Der Fehler mag bei der Zusammenfassung entstanden sein, also der Wert im Kontext richtig sein, zumal im Text einer Bildunterschrift der Sekundenzeitraum noch einmal genannt wird, aber es ist sehr schwer, überhaupt verbindliche quantitative Aussagen über derartige Wetterereignisse zu erhalten, wenn man nicht an der Quelle sitzt. Aber abgesehen vom Fehlerfaktor 60 ist die Differenz zur Größenordnung des Geschehens eher marginal anzusehen. Der Text fährt fort mit historischer Berichterstattung.

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http://fluidmotor.com/motor/geo1.shtml , zuletzt geändert 01. 08. 2010

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