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"Vor Kolumbus hatte kaum ein Europäer Gelegenheit gehabt, einem solchen Sturm-Ungeheuer zu begegnen. Und obwohl der Amerika-Entdecker auf seinen Reisen in die Neue Welt ab 1492 immer wieder mitten in einer Sturmküche kreuzte, scheint er erst 1503, auf seiner vierten und letzten Tour, in einen tropischen Wirbelsturm geraten zu sein."
Der Nimbus als Amerika-Entdecker hat zwar in der Zwischenzeit einigen Schaden genommen, aber Geschichte läßt sich halt nur schwer umschreiben, und es ist zu befürchten, daß noch weitere Generationen mit dieser falschen, historischen Siegerdarstellung konfrontiert werden.
"Der Sturm wuchs", heißt es in seinen Erinnerungen, "und erschöpfte mich derart, daß ich nicht wußte, wie ich mich aufrecht halten sollte. Niemals zuvor erblickten die Augen so hohe Wellen, so zornig und so bedeckt mit Schaum... Die ganze Zeit über fiel Wasser vom Himmel. Ich sage nicht, daß es regnete, weil es wie eine neue Sintflut war. Die Leute waren so zerschlagen, daß sie sich nach dem Tode sehnten, damit ihr furchtbares Leid ein Ende habe."
Kolumbus kam durch. Aber ein Jahr zuvor waren bereits 19 von 20 mit Gold beladene spanische Schiffe zwischen Haiti und Puerto Rico gesunken - wahrscheinlich in einem Wirbelsturm. Die Eingeborenen kannten die Ungeheuer aus Luft natürlich längst. Rund um das karibische Meer und den Golf von Mexiko hatten die Indianer sehr ähnliche Namen dafür: hurakán, hunraken, hyorocán, huiranvucán, aracán, uricán. Die spanischen Eroberer übernahmen das Wort huracán, aus dem später der englische hurricane wurde und - eingedeutscht - der Hurrikan.
Seefahrer, die einen Hurrikan überlebt haben, berichten verwundert, daß der wütende Sturm das Schiff Hunderte von Seemeilen vor sich hergetrieben habe, und daß sie sich am Ende doch wieder in der Nähe des Ausgangspunktes befanden. Und dann gab es die rätselhafte Stille im Sturm und die jähe Umkehr des Orkans. Wenn das Inferno am schlimmsten war und das Schicksal des Schiffes besiegelt schien, hörte der Wind plötzlich auf zu toben. Die Stille dauerte eine oder zwei Stunden, dann setzte der Sturm mit voller Wucht wieder ein, kam aber aus der entgegengesetzten Richtung. Dieses Phänomen wußte lange Zeit niemand zu deuten. Unvorstellbar war, daß Hurrikans riesige Wirbelstürme sind mit einer sturmfreien Zone im Zentrum, dem "Auge".
Die erste Beschreibung eines Taifuns durch einen Europäer verdanken wir einem britischen Seeräuber: William Dampier.
Er trieb 13 Jahre lang, von 1678 bis 1691, sein Unwesen in der Karibik, an der Westküste Südamerikas und im
Pazifischen Ozean. Er überfiel zahllose Schiffe und plünderte und brandschatzte die Siedlungen an den Küsten, wo
immer sich Gelegenheit bot. Doch den Kurs seiner Raubzüge bestimmte häufig auch seine Wißbegier, der Pirat hatte
ein Faible fürs Forschen.
Dampier schildert einen Taifun, in den sein Schiff am Nachmittag des 4. Juli 1687 vor der chinesischen Küste geriet.
Der Sturm brauste von Nordosten heran, der Regen fiel in Strömen. Gegen Mitternacht "donnerte und blitzte es
gewaltig, und die See um uns herum schien ganz aus Feuer, jeder Brecher spiegelte die Blitze hundertfach wieder".
Am nächsten Morgen flaute der Sturm plötzlich ab. "Die See schaukelte uns umher wie eine Eierschale - es fehlte
der Wind." Kurz nach Mittag briste es wieder auf, diesmal aus Südwest: "Kaum hatten wir das Schiff vor den Wind
gebracht, herrschte schon wieder Sturm, und es regnete sehr stark, wenn auch nicht so schlimm wie in der Nacht
zuvor - aber der Wind war genau so ungestüm und blieb es bis zehn und elf Uhr nachts. Während der ganzen Zeit
lenzten wir und liefen sehr schnell vor dem Wind, obwohl nur mit unseren nackten Masten." Der sturmerprobte Seeräuber
versicherte: "In meinem ganzen Leben war weder ich noch meine Besatzung jemals solch einem Sturm begegnet."
Als erster kam ein amerikanischer Sattler namens William Redfield dem Wirbelsturm auf die Schliche. Ein Hurrikan hatte im September 1821 in seinem Heimatstaat Connecticut nordöstlich von New York zahlreiche Bäume umgerissen. Redfield, der als Hausierer mit seinen Lederwaren umherzog, fiel auf, daß das Bruchholz nicht überall zur selben Seite gekippt war: In der Nähe seines Wohnsitzes zeigten die Wipfel der gestürzten Bäume nach Nordwesten, rund 80 Kilometer weiter westlich hingegen waren die Bäume nach Südosten gekippt. Redfield kombinierte richtig: Die Bäume mußten einem Wirbelsturm zum Opfer gefallen sein. Die Orkanwinde im Wirbel, so folgerte Redfield weiter, mußten entgegen der Richtung des Uhrzeigers geblasen haben. Der Wirbel hatte sich, trotz der vernichtenden Böen, nur langsam voranbewegt. Um seine These zu untermauern, sammelte Redfield zehn Jahre lang Berichte über Hurrikans. Dann erst veröffentlichte er seine Befunde unter dem nichtssagenden Titel "Bemerkungen über die Stürme der atlantischen Küste der nordamerikanischen Staaten". Andere Forscher fanden heraus, daß auch die Taifune, Zyklone und wie immer die Teufelsräder in der Atmosphäre genannt werden, gewaltige Luftwirbel sind.
Jedes Jahr bilden sich auf der Erde 30 - 100 tropische Wirbelstürme. Die meisten sind Taifune und bedrohen Südostasien. Sie kommen aus dem Pazifik und treffen China, Vietnam, Japan, am häufigsten aber die Phillippinen. Durchschnittlich 19 Taifune rasen pro Jahr über die eine oder andere Phillippinen-Insel hinweg. Zur größten Katastrophe durch einen Taifun kam es jedoch in Vietnam. 1881 starben im Gebiet von Haiphong im Norden Vietnams 300 000 Menschen bei einem Wirbelsturm. Sturmkatastrophen mit Tausenden von Toten sind auch in Japan nicht selten: Taifune forderten 1934 und 1945 jeweils 3000 Opfer, 1959 sogar 5000. Zehn Prozent der tropischen Wirbelstürme wüten als Zyklone im Golf von Bengalen. Ihnen fielen in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten weit über eine Million Menschen in Indien und Bangladesch zum Opfer. 1737 tötete ein Zyklon in Indien 300 000 Menschen, 1789 und 1839 waren es je 20 000, 1833 und 1864 je 50 000. Und so lautet - in dürren Sterbeziffern - die Chronik der schlimmsten Zyklon-Katastrophen in Bangladesch: 1822 - 40 000 Tote; 1876 - 100 000 Tote; 1897 - 175 000 Tote; 1963 - 11 000 Tote; 1965 - 19 000 Tote; 1970 - 300 000 Tote. Der Zyklon von 1970 beschädigte 400 000 Häuser, tötete das Vieh und vernichtete die Habe von Millionen Menschen. Indirekt war fast das ganze Land betroffen, denn der Zyklon zerstörte auch die Reisernte. Schlimmer noch: 100 000 Fischerboote gingen verloren in einem Land, dessen unterernährte und an Eiweißmangel leidende Bevölkerung 80 Prozent des tierischen Eiweißes, das ihr zur Verfügung steht, aus dem Fischfang bezieht.
Daß Zyklone immer wieder zu Super-Killern werden, liegt nicht an der Gewalt dieser Stürme. Taifune sind weitaus stärker. Entscheidend für die Tödlichkeit der Zyklone ist die geographische Situation am Golf von Bengalen. Dieser Teil des Indischen Ozeans verengt sich nach Norden wie ein Trichter, in den der Wind gewaltige Wassermassen preßt. Sie können nicht zurückfließen und überspülen das flache Küstenland. Trifft ein Hochwasser - gar noch bei einer Springflut - mit dem Höhepunkt des Zyklons zusammen, ist das Inferno fast unausweichlich, da wirksame Warnsysteme fehlen. Nur zehn bis 15 Prozent der tropischen Wirbelstürme sind Hurrikans. Sieben bis acht pro Jahr bilden sich über dem Atlantik, davon stoßen zwei oder drei auf das Gebiet der USA vor. Kein Hurrikan hat auch nur annähernd so viele Menschen getötet wie Zyklone. Bei der schwersten Hurrikan-Katastrophe in den USA - sie ereignete sich am 8. September 1900 im Gebiet von Galveston in Texas - kamen 6 000 Menschen ums Leben. Rund 50 Prozent aller tropischen Wirbelstürme sind keine Taifune, Zyklone oder Hurrikans. Sie wehen an der Pazifikküste Mexicos und der USA, im Arabischen Meer, bei Madagaskar und Moçambique, im Norden Australiens, in der Südsee. So zerstörte ein Wirbelsturm zu Weihnachten 1974 die australische Stadt Darwin - schon zum drittenmal nach 1897 und 1937. Nicht einmal das Gefängnis hielt dem Orkan stand. Bilanz der Katastrophe: 49 Menschen tot und 900 verletzt; Sachschaden in Höhe von 900 Millionen Mark."
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