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Doch es wäre ohnehin nicht ratsam, sich einem solchen rasenden Luftschlauch aus bloßer Wißbegier in den Weg zu stellen. Allzu groß ist die Gefahr, darin umzukommen. Und wozu auch dieses Risiko auf sich nehmen? Windmesser halten den extremen Geschwindigkeiten nicht stand. Die Wissenschaftler sind für ihre Studien angewiesen auf Wetterkarten und Statistiken, auf Fotos und in seltenen Glücksfällen auf Amateur-Filme, aber vor allem lesen die Forscher in den Spuren der Verwüstung. Wohnhäuser fallen nicht nur zusammen, sondern die Fundamente werden regelrecht blankgefegt. Tornados drehen einen zwei Meter dicken Baum "wie einen Selleriestiel ab" - so der New Yorker Meteorologe Dr. Bernard Vonnegut -, fegen Eisenbahnwaggons von den Gleisen, wirbeln Autos durch die Luft. Nach einem Tornado in Texas 1970 wurde ein zwölfeinhalb Meter langer und fast zwölf Tonnen schwerer Düngemitteltank über tausend Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt wiedergefunden.
Tornados - der Name kommt von dem spanischen Wort "tronada", Gewitter, bilden sich in vielen Teilen der Welt, aber nirgends sind sie so häufig und ungestüm wie in den USA. An die 800 Tornados tobten dort 1978, töteten 52 Menschen. Über Europa fegt diese Geißel selten. Aber wenn es geschieht, sind auch bei uns die Verwüstungen erheblich: Häuser werden zertrümmert, Autos werden zu Schrott, Bäume knicken wie Streichhölzer. 1968 wütete eine "Windhose" in Pforzheim, 1973 in Kiel, 1978 in Recklinghausen und in Schechingen bei Schwäbisch Gmünd.
In Nordamerika entstehen Tornados regelmäßig in einem breiten Gürtel, der sich vom Südosten des Landes durch die Great Plaines bis Kanada zieht. Am stärksten bedroht sind Oklahoma und Kansas. Tornadozeit kann das ganze Jahr sein, Hauptsaison ist von März bis August. Die Ungeheuer fallen nicht aus heiterem Himmel - sie erscheinen bei Gewitter. Warum aber, kann noch niemand plausibel erklären. Plötzlich passiert es. Aus einer düsteren Wolke wächst ein trichterförmiges Gebilde heraus - mal breit ausladend an seinem oberen Ende und nach unten spitz zulaufend, mal als langer schmaler Schlauch, mit einer Taille in der Mitte wie eine Sanduhr oder gedreht wie ein Tau.
Die meisten Tornados ziehen, schwarzgrau von aufgewirbeltem Staub, mit einer Geschwindigkeit zwischen 50 und 65 Kilometer in der Stunde über Land. Laut lärmend kommen sie daher. Ohrenzeugen vergleichen das Geräusch mit dem Fauchen von Düsentriebwerken, mit dem Donnern eines Güterzuges, mit dem Summen von Millionen Bienen. Die Bahn der Zerstörung ist im Durchschnitt 25 Kilometer lang und einige hundert Meter breit. Doch der folgenschwerste Tornado, dem im März 1925 in Missouri, Illinois und Indiana 689 Menschen zum Opfer fielen, schlug eine Todesschneise von streckenweise 1,5 Kilometer Breite. Als er sich endlich auflöste, hatte er 352 Kilometer zurückgelegt.
Mitunter kommen Tornados in Scharen. Am 3. und 4. April 1974 entwickelten sich vom Süden des Staates Mississippi bis nach Ontario hinauf innerhalb von 16 Stunden 148 Tornados. Die rasenden Wirbel töteten über 300 Menschen. Manchmal heben die tödlichen Rüssel vom Boden ab. Dann ergibt sich für jemand, der aus der Bahn des heranrückenden Monsters nicht mehr fliehen konnte und ein sicherer Todeskandidat gewesen wäre, die Chance, in einen Tornado hineinzuschauen. 1928 blickte der Farmer Will Keller aus Greensburg in Kansas "in das zottige Ende" eines düsteren Wirbels. "Da war eine runde Öffnung im Zentrum des Schlauches", berichtete Keller, "etwa 15 bis 30 Meter im Durchmesser. Sie reichte mindestens 800 Meter weit nach oben. Die Wände dieser Öffnung bestanden aus rotierenden Wolken, und das ganze war hell erleuchtet durch Blitze, die ständig von einer Seite zur anderen sprangen. Ohne die Blitze hätte ich nichts gesehen."
In starken Tornados soll der Wirbel Geschwindigkeiten von mehr als 500, ja 800 oder 1000 Kilometer in der Stunde
erreichen. Skeptiker schätzen, daß es "nur" maximal 400 bis 440 Stundenkilometer sind. Jedenfalls bedarf es extremer
Windstärken, um zu erklären, was bei keinem anderen Wirbelsturm passiert: daß schwere Hausbalken 20 Kilometer weit
durch die Luft fliegen; Holz sich durch Eisen bohrt; Stroh- und Grashalme wie Stricknadeln
in Bäume gepiekt und Hühner regelrecht gerupft werden.
Der Luftdruck fällt, wenn ein Tornado vorüberzieht, innerhalb von Sekunden um 100, manchmal sogar um 200 Millibar.
Da in den Häusern normaler Luftdruck herrscht, glauben die meisten Tornado-Forscher, daß dieser Unterschied die
Häuser gleichsam explodieren läßt. Diese Vorstellung bestreiten jedoch einige Experten: Der Sturm allein reiche
völlig aus, um alle Schäden zu erklären.
Berichte über Tornados sind gespickt mit schier unglaublichen Begebenheiten. Doch der Meteorologe Snowden D. Flora aus Topeka, mitten im Tornado-Land Kansas, versichert: "Nachdem man eine große Anzahl solcher Seltsamkeiten untersucht hat, ist man geneigt, fast alles zu glauben." Flora selbst erzählt die "gut verbürgte" Geschichte von zwei Texanern namens Al und Bill, die am 9. April 1947 von einem Tornado überrascht wurden. Bill war bei Al zu Besuch. Plötzlich hörten sie ein lautes Dröhnen, das rasch näher kam. Al öffnete die Haustür, um nachzusehen, was da los war. Sofort wurde sie ihm aus der Hand gerissen und verschwand. Im nächsten Moment flog Al selbst davon, über Baumwipfel hinweg. Gleich darauf segelte auch Bill, der seinem Freund zur Tür gefolgt war, durch die Luft. Beide landeten etwa 60 Meter vom Haus entfernt. Sie hatten nur leichte Verletzungen, aber Bill war in Draht eingewickelt. Nachdem Al ihn befreit hatte, krochen sie im Sturm zum Haus zurück. Doch das war verschwunden. Nur ein Diwan stand noch an der Stelle: Darauf kauerten völlig verstört Als Frau und die zwei Kinder, unverletzt.
Beim Super-Tornado am 18. März 1925 wurde aus einem Schulhaus der Lehrer fortgeweht, während die Schüler, an ihre Bänke geklammert, kaum Schaden erlitten. Am 27. April 1942 blies ein Tornado in Oklahoma ein Haus weg - bis auf die Veranda und eine Bank, die am Haus gestanden hatte. Von einem Auto war nach dem Wirbelsturm das linke Hinterrad weggerissen, während eine Petroleumlampe ganz in der Nähe noch brannte. Unzählig sind die Geschichten, die von einer unglaublichen Wucht der Wirbelstürme künden: Ein Baum barst der Länge nach in zwei Hälften, ein Auto wurde genau in den Spalt geschleudert und saß darin fest wie in einem Schraubstock.
Da sich bis heute die Entstehung von Tornados nicht schlüssig erklären läßt, sind auch die Möglichkeiten begrenzt, die Menschen vor diesen Ungeheuern rechtzeitig zu warnen. Die amerikanischen Meteorologen bemühen sich, bei Gewitterlagen Gebiete abzustecken, in die Tornados einfallen könnten und in denen die Menschen daher besonders wachsam sein müssen.
01.08.1995, 07:00: In den Frühnachrichten erfahre ich, daß sich ein Hurrikan der amerikanischen Ostküste (Florida) nähert. Abends wird gemeldet, daß er an Kraft verloren hat. Am nächsten Tag hat er wieder Kraft geschöpft. Diesmal bleiben die großen Schäden aus, trotzdem sind die angerichteten Schäden wieder einmal erheblich.
Doch diese Gebiete sind sehr groß - etwa 150 bis 300 Kilometer lang und genauso breit -, und nur nach jeder dritten Warnung zeigt sich tatsächlich ein Tornado irgendwo in einem riesigen Areal. Immerhin: Wenn jemand einen Tornado sieht und Polizei und Feuerwehr alarmiert, können regionale Radio- und Fernsehsender Warnungen ausstrahlen. Dann heißt es: In den Keller oder einen Schutzraum rennen, mit dem Auto fliehen oder - schlimmstenfalls - sich auf freiem Feld in einen Graben oder eine Mulde werfen.
Viel effektiver als vor schwer berechenbaren Tornados können die Wetterämter in den USA vor Hurrikans warnen. Die Riesenräder kommen von fernher übers Meer gewirbelt. Man muß sie möglichst weit draußen entdecken, ihre Bahn verfolgen und dann eine Voraussage über ihren Weg treffen. Doch Hurrikans holen mal mehr, mal weniger weit nach Westen aus, treten unvermutet eine Zeitlang auf der Stelle, kehren ein Stück zurück, schlagen Haken und drehen Schleifen.
1944 wurde den Amerikanern gleich zweimal drastisch vor Augen geführt, wie hilflos sie noch immer gegenüber den
tropischen Wirbelstürmen waren. Im September fiel der "Große Atlantische Hurrikan" über Neuengland her. Er tötete
600 Menschen. Auf See versenkte er einen Minensucher, einen Zerstörer sowie zwei Schiffe der Küstenwacht.
Im Dezember desselben Jahres geriet die Dritte US-Flotte östlich der Phillippinen-Insel Luzon in einen Taifun.
Sturm und Wellen zersprengten den Verband der Kriegsschiffe. Sie vernichteten fast 150 Flugzeuge an Deck der
Flugzeugträger oder bliesen sie einfach über Bord, brachten selbst Schlachtschiffe in Bedrängnis und schickten drei
Zerstörer mit 800 Mann Besatzung auf den Grund. Der geplante Angriff gegen die Japaner mußte abgeblasen werden.
Doch zu diesem Zeitpunkt war der Durchbruch zu einer erfolgreichen Hurrikan-Forschung und -Warnung bereits gelungen.
Am 27. Juli 1943 hatte es Joseph B. Duckworth, Ausbilder der US-Luftwaffe, als erster gewagt, mitten in einen Hurrikan
hineinzufliegen. An jenem Julitag ging gerade ein kleiner, aber intensiver Hurrikan in Texas an Land. Der damals
40jährige Duckworth flog mit Leutnant Ralph O`Hair in einem einmotorigen Flugzeug in das Unwetter. Der Sturm riß und
zerrte an der Maschine, Regengüsse peitschten gegen die Kanzel. Der Pilot hatte Angst, daß die Wasserflut den Motor
absaufen lassen könnte. Doch Duckworth und O`Hair stießen bis ins Auge vor, flogen ein paar Runden unter blauem Himmel
und erkämpften sich dann wieder den Rückzug durch den Orkan. Die waghalsigen Flieger hatten gezeigt, wie tropische
Wirbelstürme erforscht und überwacht werden können. Bald darauf richteten die USA Stützpunkte ein, von denen
Spezialeinheiten jeden Hurrikan und jeden Taifun anfliegen. Selbst Wettersatelliten und immer perfektere haben die
tollkühnen Männer - und seit kurzem auch Frauen - in ihren fliegenden Wetterstationen nicht entbehrlich gemacht.
"Manchmal scheint es, als ob man bei Nacht in einer Kuh herumfliegt"
Die Wirbelsturm-Jäger von der 53. und 54. Wetteraufklärungsstaffel, die in Mississippi stationierten "Hurricane Hunters" und die "Typhoon Chasers" auf der Insel Guam, haben den härtesten Job auf der Erde. "Jeder Sturm", erklärte Hauptmann Robert Packer auf Guam einem Reporter der New York Times, "hat seine eigene Persönlichkeit. Die Stürme reichen von `Zucker!� bis zu `Diesmal höre ich auf zu fliegen!� Manchmal scheint es, als ob man bei Nacht in einer Kuh herumfliegt." Innerhalb von Sekunden kann das mit Meßgeräten vollgestopfte Flugzeug, eine viermotorige C-130 Hercules, Hunderte von Metern absacken, um kurz darauf wieder emporzuschießen. Das hält auch der stärkste Magen nicht aus. Den Wirbelsturm-Jägern ist es in erster Linie zu danken, daß die Wetterämter heute schon früh vor Hurrikans und Taifunen warnen können. Dennoch sehen Hurrikan-Forscher düster in die Zukunft. Sie befürchten die schwerste Katastrophe in Amerika seit Menschengedenken, wenn ein starker Hurrikan zu ungünstiger Zeit am ungünstigen Ort über die Küste herfällt. Seit den sechziger Jahren haben sich nämlich Millionen US-Bürger an den flachen Küsten und auf den vorgelagerten Inseln niedergelassen. Etwa 40 Millionen Menschen, so errechnete Neil Frank, Direktor des Nationalen Hurrikan-Zentrums, leben heute in flutgefährdeten Gebieten. Weil seit "Camille" im Jahre 1969 kein besonders schwerer Hurrikan mehr die USA heimsuchte, fühlen sie sich in ihren Häusern sicher. Die wenigsten sind sich darüber im klaren, daß neun von zehn Hurrikan-Opfern in der Flutwelle ertrinken, die der Wirbelsturm auf die Küste zutreibt.
In vielen Gegenden werden die Straßen im Notfall nicht ausreichen, um alle Gefährdeten schnell zu evakuieren. Auf den Florida Keys beispielsweise leben 60 000 Menschen, und unzählige Touristen besuchen diese Inseln südlich von Florida. Doch der einzige Fluchtweg zum Festland ist eine zweispurige, dicht über dem Wasser gelegene Straße mit 60 Brücken. "Vor einigen Jahren", erinnert sich Frank, "blockierte ein verunglückter Lastwagen die Straße sieben Stunden lang. Ich kann nur mit Schaudern daran denken, daß so etwas während einer Hurrikan-Flut passiert. das Wasser würde steigen, und die Menschen hätten keine Chance zu entkommen."
In Cape May County im Staat New Jersey leben in der Ferienzeit über eine Million Menschen. Auch hier führt nur eine einzige Straße von der Halbinsel auf flutsicheres Gelände. 4500 Wagen pro Stunde können die Straße passieren, vorausgesetzt, daß keine Staus auftreten. Selbst unter günstigen Bedingungen würde es Tage dauern, alle Menschen zu evakuieren.
Anfang der sechziger Jahre weckten die Hurrikan-Forscher Hoffnungen, daß die tropischen Wirbelstürme gezähmt werden könnten. Mit viel Elan wurde das Project "Stormfury", Sturmwut, gestartet. Die Wissenschaftler wollten einen Hurrikan "an seiner Achillesferse" treffen, so Projektleiter Robert H. Simpson.
Zweimal ging "Debbie" in die Knie, kam aber schnell wieder zu Kräften
Für ihre Experimente wählten sie eine Substanz, die auch Regenmacher schätzen: Silberjodid. Fein verteilt, eignet sich diese Verbindung besonders gut dazu, Wolken zum Abregnen zu bringen. Einige Zentner Silberjodid, geschickt in den Hurrikan gestreut, so verhießen Berechnungen, könnten die Stärke des Sturms herabsetzen. Vier Hurrikans impften die "Stormfury"-Forscher: 1961 "Esther", 1963 "Beulah", 1969 "Debbie" und 1971 "Ginger". Zu eindeutigen Ergebnissen gelangten sie dabei nicht. Nur Debbie zeigte sich nach zwei Aktionen jedesmal geschwächt, doch kam sie schnell wieder zu Kräften.
Seitdem haben keine Versuche mehr stattgefunden. Inzwischen ist sogar umstritten, ob tropische Wirbelstürme überhaupt bekämpft werden sollten. Denn dieselben Stürme, die Menschen an vielen Küsten bedrohen, sichern gleichzeitig die Wasserversorgung. Ohne Hurrikans, Taifune und Zyklone wären weite Gebiete von Dürre bedroht, etwa in Mexiko und in Südostasien. Japan wird zu einem Viertel durch Taifune mit Wasser beliefert. Und auch in Europa wäre es ohne gealterte Hurrikans, die Regen bringen, vielleicht mancherorts bedenklich trocken. "Tropische Wirbelstürme", schrieb der amerikanische Meteorologe William M. Gray, "sind in ökonomischer Hinsicht Wohltäter der Menschheit. Der Niederschlag, den sie dem Land insgesamt zuführen, wiegt die Sachschäden hundertfach auf." Des einen Not, des anderen Brot, der Konflikt ist kaum zu lösen.
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